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Kommentar: Wolfgang Bernhard – Heilsbringer mit Hypothek
Daimler-Manager Wolfgang Bernhard wird bald Mercedes-Chef. Die Automobilwoche hat bereits Mitte Dezember eine "Kabinettsumbildung" in Stuttgart vorhergesagt.
Stuttgart. Die Berufung von Transporter-Chef Wolfgang Bernhard zum operativen Leiter der Pkw-Sparte ist eine logische und richtige Weichenstellung von Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff. Sie ist auch – ähnlich wie ein Trainerwechsel in der Bundesliga - eine mutige Entscheidung: Wer das Führungspersonal austauscht, muss mit dem neuen Verantwortlichen unbedingt Erfolg haben - und das möglichst kurzfristig. Allerdings ist diese Neuausrichtung nicht wirklich konsequent und birgt einige Risiken. Bernhard übernimmt formal die Aufgaben von Rainer Schmückle, der für die Produktion und den Einkauf zuständig war, und der zuletzt vor allem in der eigenen Belegschaft stark unter Kritik stand. Im Gegensatz zu Schmückle zieht Bernhard aber in den Daimler-Vorstand ein, seine Position ist damit deutlich aufgewertet. Dass Konzernchef Dieter Zetsche offiziell für die Sparte verantwortlich bleibt, dürfte eher ein gesichtswahrendes Feigenblatt darstellen. Denn nach Informationen der Automobilwoche wünscht Bischoff ausdrücklich eine stärkere Trennung von Vorstandsvorsitz und der Mercedes-Verantwortung. Auch bei einer weiteren Entscheidung ließ der Aufsichtsratschef die letzte Konsequenz vermissen: Bernhard bleibt weiter für die Transporter-Sparte verantwortlich. Was bisher ein Full-Time-Job war, ist nun eine Teilzeit-Tätigkeit. Die künftigen Aufgaben von Bernhard lassen aber keinen Zweifel aufkommen, dass Bischoff ihn bereits heute als einen aussichtsreichen Kandidaten für die Nachfolge auf den Konzernvorsitz installiert hat.
Für Bernhard wiederum ist die Ernennung die zweite und letzte Chance im Daimler-Konzern. Vor einigen Jahren war er bereits als designierter Nachfolger von Mercedes-Chef Jürgen Hubbert durch sein vorschnelles und wenig diplomatisches Verhalten gestolpert: Nachdem er vor Amtsantritt bereits öffentlich harte Sanierungsmaßnahmen mit dem Abbau tausender von Arbeitsplätzen in Aussicht gestellt hatte, stürzten ihn der Betriebsrat und die IG-Metall. Ironie der Geschichte: Eckhard Cordes wurde danach Mercedes-Chef und baute im Rahmen seines intern als "Hard-Core“ bezeichneten Programms massenhaft Stellen ab. Und auch Zetsche setzte die Restrukturierung bei Mercedes und im Konzern fort, was insgesamt den Verlust von über 16.000 Jobs bedeutete.
Klemm wollte Zetsches Vertragsverlängerung verhindern
Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm hat kürzlich sogar versucht, die Vertragsverlängerung von Zetsche zu verhindern. Er wollte stattdessen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking durchsetzen. Dies bestreitet Klemm vehement. Dass Zetsche bleibt und nun auch noch der vom Betriebsrat verteufelte Bernhard in den Daimler-Vorstand einzieht, zeigt, dass sich die Kapitalseite im Aufsichtsrat um Bischoff auf ganzer Linie durchgesetzt hat und die Zeiten der Allianz mit dem Betriebsrat wie unter Ex-Chef Jürgen Schrempp endgültig vorbei sind. Für Bernhard, der schon in seinen früheren Rollen bei Chrysler, Daimler und VW zum Heilsbringer hochstilisiert wurde, ist die Situation eine schwer lastende Hypothek: Er darf nicht noch einmal als harter Sanierer starten und die ohnehin schon misstrauische Belegschaft verprellen. Dass er nun mit dem eisernen Besen kehrt, ist deshalb sehr unwahrscheinlich. Auf der anderen Seite ist die Erwartungshaltung innen und außen immens hoch. Er muss schnell etwas verändern, sonst verpufft seine Beförderung.
Bernhards wichtigste Aufgabe bei Mercedes ist es, für eine neue Dynamik und Aufbruchstimmung sorgen, nachdem es zuletzt so schien, als ob Zetsche nach Restrukturierungen und Sparrunden sein Repertoire erschöpft hätte. In der Bundesliga heißt es dann, der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr. Ähnlich muss Bischoff gedacht haben. Vor allem die stärkere Trennung von Konzernführung und Mercedes-Spitze birgt Chancen: Zetsche kann sich nun auf die Rolle des Moderators beschränken und die strategische Entwicklung des Gesamtunternehmens vorantreiben. Übrigens ebnet die Aufspaltung den Weg zu einer wirklichen Holdingstruktur, die eine Abtrennung der Nutzfahrzeugsparte oder ein teilweiser Börsengang leichter machen würde. Trotz häufiger Dementis gibt es bei Daimler durchaus solche Planspiele. Hintergrund sind die stark schwankenden Gewinne im Lkw-Geschäft, die Investoren häufig abschrecken.
Smart ist und bleibt ein wirtschaftliches Desaster
Bernhard wiederum darf als aufgewerteter Mercedes-Chef vor allem die Interessen seiner Sparte im Vorstand vertreten. Und zu tun gibt es für ihn genug: Noch immer haben die Stuttgarter keinen Kooperationspartner im Kompaktwagenbereich. Smart ist und bleibt ein wirtschaftliches Desaster, das dringend gelöst werden muss. Grundsätzlich erhofft man sich von Bernhard mehr Mut zum Risiko und ein Ende der Verzagtheit. Wenn Mercedes führend bei Elektroautos ist – wie immer proklamiert wird – müssen die Autos auch als erste in den Showrooms stehen. Neue Technologien dürfen nicht verschlafen werden – bestes Beispiel ist das Start-Stopp-System, das quasi totentwickelt wurde. Und: Der Premiumanspruch definiert sich neu. Eine wesentliche Rolle spielen dabei modernste Kommunikationstechnologien. Auch hier hat Mercedes Defizite.
Viele Grundlagen wirtschaftlicher und technischer Art wurden in den letzten Jahren unter Cordes und Zetsche bereits gelegt. Mercedes ist kein Sanierungsfall mehr. Es gilt vielmehr, die PS endlich auf die Straße zu bringen. Das heißt schlicht: Mehr Absatz, mehr Umsatz und endlich eine angemessene Rendite.
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